„Ich weiss es nicht” ist eine der häu­figs­ten Ant­wor­ten in The­ra­pie, Hypnose und Coa­ching. Viele reagie­ren darauf reflex­ar­tig mit einer Gegen­fra­ge: Und wenn du es wüss­test? Wer könnte es wissen? Was brauchst du noch? In diesem Artikel zeige ich dir, warum diese Rate­spie­le meist wenig bringen, was diese Antwort über deine eigene Frage verrät und wie du in der Gesprächs­hyp­no­se die ver­schie­de­nen Arten von „Ich weiss es nicht” unter­schei­dest.

Inhalts­ver­zeich­nis

Der Hotseat, in dem ich es selbst erlebt habe

Ich sass in einem Call in einem Hotseat. Hun­der­te Augen­paa­re auf mich gerich­tet. Ich hatte mich getraut, eine Frage zu stellen und mich mit einem Problem zu outen. Der Coach-Mentor stellte mir eine Frage – und ich ant­wor­te­te: Ich weiss es nicht.

„Und wenn du es wüss­test? Sag’s mir jetzt schnell, ohne nach­zu­den­ken. Los.”

Ich fühlte mich extrem unwohl, unsi­cher, unter Druck gesetzt. Es war, als müsste ich irgend­et­was aus meinem Hirn her­vor­kra­men, einfach um eine Antwort parat zu haben. Ich habe irgend­ein Wort gesagt – ich weiss gar nicht mehr welches. Gehol­fen hat es nicht. Ich sass immer noch mit meinem Problem da: ratlos, unter Druck und etwas bloss gestellt.

Diese Antwort hat mit deiner Frage zu tun

Der erste Punkt ist der unbe­que­me. „Ich weiss es nicht” hat viel mehr mit deiner Frage zu tun als mit der Bereit­schaft deines Kli­en­ten, sein Problem zu lösen.

Diese Antwort ist keine Abwer­tung deines Kli­en­ten. Sie ist zual­ler­erst eine Ein­la­dung, kurz zu prüfen, was du unmit­tel­bar davor gemacht hast.

Der Check-in bei dir selbst

Frag dich ehrlich:

  • Hast du ver­sucht, das Problem deines Kli­en­ten zu lösen?
  • Hast du eine lösungs­ori­en­tier­te Frage gestellt?
  • Woll­test du in eine bestimm­te Rich­tung lenken oder hin­wei­sen?
  • Woll­test du eine Per­spek­ti­ve oder eine Mög­lich­keit auf­zei­gen?
  • Woll­test du gerade irgend­et­was mit deinem Kli­en­ten tun?

Kam auf eine solche Frage ein „Ich weiss es nicht”, dann hast du die Antwort schon. Es liegt an deiner Frage und an deiner Haltung. Es liegt daran, dass bereits Druck ent­steht und dein Klient irgend­wo­hin geführt werden soll, wo er gerade noch nicht hin­schau­en kann. Er steckt noch im Problem. Wie soll er es dann schon lösen? Und wir wissen ohnehin: Das prä­sen­tie­ren­de Problem ist gar nicht das wirk­li­che Problem.

Deshalb: weg von diesem Anstup­sen, von diesem Per­spek­ti­ven­wech­seln, von diesem Bestre­ben, bereits Lösun­gen für etwas zu suchen, das nur das Symptom ist. Mit deiner Haltung steht und fällt die Qua­li­tät dieses Gesprächs – und damit auch die Mög­lich­keit für deine Klient:innen, selbst­wirk­sa­me Ver­än­de­rung zu erleben.

Achte darauf, womit die Antwort kommt

Der zweite Punkt: Beob­ach­te, was dein Klient zusam­men mit dieser Antwort noch macht. Kommt sie mit Emo­tio­nen? Mit einem Nach­den­ken? Mit Gegen­wehr und ver­schränk­ten Armen? Mit Rat­lo­sig­keit und fast schon einer Art Frus­tra­ti­on?

Mach in all diesen Fällen bitte nicht noch mehr Druck darauf. Die Art, wie ein „Ich weiss es nicht” kommt, sagt dir mehr als der Satz selbst.

Wenn der Rede­fluss einen Riss bekommt

Da ist der Klient, der extrem viel redet – und im Gespräch plötz­lich zu einem Stopp kommt und sagt: Ich weiss es nicht. Das ist ein guter Moment. Sein Rede­fluss, seine Argu­men­ta­ti­on, diese Platte, die viel­leicht seit Jahren in End­los­schlei­fe läuft, hat einen Riss bekom­men. Sie greift gerade nicht mehr.

Halte dann gemein­sam mit ihm inne. Beob­ach­te, was pas­siert: was er denkt, was in seinem Körper pas­siert, in seinen Emo­tio­nen, in seiner Kör­per­spra­che. Und bleib gelas­sen, ruhig, gedul­dig, freund­lich zuge­wandt und neutral. Kein „Und jetzt hast du es!”. Einfach gelas­sen bleiben.

Ver­schränk­te Arme und ein „Was willst du von mir?”

Dann gibt es das „Ich weiss es nicht” mit ver­schränk­ten Armen. Diese Haltung kenne ich sehr oft von Jugend­li­chen und jungen Men­schen: Was soll ich? Was willst du von mir? Was erwar­test du von mir?

Auch das ist span­nend. Geh noch einmal in dich und frag dich: Was habe ich gerade gefragt? Was wollte ich mit dieser Frage errei­chen? Und dann sieh davon ab. Stelle deine Fragen bitte absichts­los. Versuch nicht, den Men­schen dir gegen­über irgend­wo­hin zu bringen, zu führen, zu leiten oder zu lenken. Aus dem­sel­ben Grund arbeite ich auch ohne lösungs­ori­en­tier­te Fragen.

Das Ende der Land­kar­te

Und dann gibt es das ver­zwei­fel­te „Ich weiss es nicht”. Men­schen sitzen bei dir, weil sie nicht wei­ter­kom­men. Sie sind am Ende ihrer Land­kar­te, am Ende ihrer Weis­heit, am Ende ihrer Logik.

Genau dort pas­siert das, was Gesprächs­hyp­no­se ermög­li­chen kann: diesen Loop zu unter­bre­chen und einen Spalt weit zu öffnen, damit Licht in etwas kommt, das lange im Dunkeln war. Das Ende der Land­kar­te ist meis­tens der Beginn.

Feiere dieses „Ich weiss es nicht” inner­lich, wenn dein Klient ins Denken kommt, wenn es keine grund­sätz­li­che Abwehr ist und die Antwort noch nicht da ist. Das ist sehr oft genau der Beginn der Ver­än­de­rung.

Stille aus­hal­ten, ohne Druck zu machen

Wenn ein „Ich weiss es nicht” kommt, steig bitte nicht in den Ring ein. Erhöhe den Druck nicht. Lass dich nicht pro­vo­zie­ren. Lass dein Herz offen und zuge­wandt und schau, was pas­siert.

Halte auch einen Moment Stille aus. Nicht als Mittel, um Druck zu pro­du­zie­ren, sondern einfach, um zu schauen: Was pas­siert bei deinem Gegen­über? Was pas­siert bei dir?

Und dann stell die nächste Frage – aber nicht wie aus der Pistole geschos­sen. Und bitte keine Rate­spie­le.

Dieses Timing ist ent­schei­dend. Äus­ser­lich ruhig, präsent und zuge­wandt zu bleiben und zu warten, ist oft die wirk­sams­te Inter­ven­ti­on, die es in diesem Moment gibt.

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