Eine Kol­le­gin, Heil­prak­ti­ke­rin, hat kürz­lich öffent­lich gefragt, was viele in unserer Arbeit beschäf­tigt: Sie gibt ihren Klient:innen kleins­te Dinge mit – eine Kapsel pro Tag, ein biss­chen Öl über eine Mahl­zeit – und ein Teil setzt es einfach nicht um. Sie hat Spick­zet­tel mit­ge­ge­ben, erklärt, wieso es wichtig ist, und trotz­dem pas­siert es nicht. Ihre Über­le­gung: Viel­leicht sollte sie solche Klient:innen gar nicht mehr weiter betreu­en, weil sie nicht com­pli­ant sind. In diesem Beitrag zeige ich dir, warum ich an einem ganz anderen Punkt ansetze – und was sich ver­än­dern kann, wenn du zuerst inner­lich auf­räumst, statt weitere To-dos zu ver­ge­ben.

Was dein Klient bereits geleis­tet hat

Für mich ist ein Punkt zentral, bevor wir über­haupt über Umset­zung spre­chen: Jeder Mensch, der sich Unter­stüt­zung bei einer The­ra­peu­tin, einem Heil­prak­ti­ker, einer Hyp­no­ti­seu­rin oder einem Coach sucht, hat bereits eine riesige Hürde über­sprun­gen. Diese Person hat Mut auf­ge­bracht, dich zu kon­tak­tie­ren. Sie hat sich ein­ge­stan­den: Ich habe ein Problem, ich muss etwas machen, ich hole mir Hilfe.

Das gilt es anzu­er­ken­nen. Allzu oft höre ich statt­des­sen: Die wollen einfach nicht. Die kommen nicht in die Ver­än­de­rung und haben tausend Aus­re­den. Meine Erfah­rung ist eine andere. Es ist in der Regel keine Bös­wil­lig­keit, keine Faul­heit und keine feh­len­de Bereit­schaft. Da wirkt etwas anderes mit.

Sticker, Erin­ne­run­gen, Hand­lungs­ver­knüp­fun­gen – und ihre Grenze

Es gibt viele gute Hilfs­mit­tel, um Gewohn­hei­ten zu instal­lie­ren. Hand­lun­gen mit­ein­an­der ver­knüp­fen: Immer wenn ich Zähne putze, mache ich auch das. Beim Kaffee gleich die Kapsel. Bei diesem Essen gleich das Öl darüber. Dazu Sticker am Spiegel, Erin­ne­run­gen auf dem Telefon, ein Punkt auf der Hand, eine kurze Nach­richt von dir zwi­schen­durch.

All das funk­tio­niert – für einen guten Teil der Klient:innen. Und es braucht trotz­dem Zeit und Dran­blei­ben. Für sehr dis­zi­pli­nier­te Men­schen ist das kein Thema: einmal gesagt, danach gemacht. Für viele andere ist es aus­ge­spro­chen schwie­rig, Gewohn­hei­ten zu ver­än­dern. Wenn das mit Wil­lens­kraft und Dis­zi­plin durch­ge­drückt werden soll, wird es oft zäh.

Das sind keine Aus­re­den, das ist das Leben

Dann kommen die Gründe. Das Kind war krank. Die Oma hatte etwas. Es war ein Notfall. Ich musste Über­stun­den leisten. Wir hatten Ferien.

Auch das sind aus meiner Sicht keine Aus­re­den im eigent­li­chen Sinn. Das ist schlicht das Leben. Mit Familie, mit Kindern, mit Ver­wand­ten, mit Beruf läuft viel und ist viel. Und genau das ist häufig schon ein Teil des Pro­blems, weshalb diese Men­schen über­haupt bei dir sitzen: Es ist zu voll, und die eigene Gesund­heit steht ganz zuhin­terst.

Wenn wir dann noch zusätz­li­che To-dos in einen ohnehin über­füll­ten Tag legen, wird die Umset­zung schwer. Das liegt daran, dass die Belas­tung bereits vorher da war, und nicht daran, dass jeman­dem die Bereit­schaft fehlt.

Das Anlie­gen ist die Spitze des Eis­bergs

Das Gesund­heits­the­ma, mit dem eine Kli­en­tin zu dir kommt, ist meist nur die Spitze des Eis­bergs. Es ist die Art, wie sich ihre Pro­ble­ma­tik aus­drückt: Schmer­zen, Gelenk­be­schwer­den, Migräne, Erschöp­fung, kon­stan­ter Stress, leere Bat­te­rien, wie­der­keh­ren­de Ver­dau­ungs­pro­ble­me, Über- oder Man­gel­er­näh­rung.

Natür­lich kann man messen. Ein Blut­test zeigt einen Mangel, eine Unaus­ge­wo­gen­heit, ein Hor­mon­bild. Aus meiner Sicht hat das jedoch fast immer auch eine Ver­knüp­fung im mental-emo­­tio­nal-see­­li­­schen Bereich. Und solange dort nichts geord­net ist, opti­miert und sup­ple­men­tiert man auf Sym­ptom­ebe­ne.

Man kann her­vor­ra­gen­de Blut­wer­te haben und sich trotz­dem nicht gut fühlen.

Zuerst auf­räu­men, dann opti­mie­ren

Deshalb erachte ich es als äus­serst wichtig, zuerst dort auf­zu­räu­men. Die Fragen, die mich dabei inter­es­sie­ren, sind andere als die nach der rich­ti­gen Dosie­rung: Wieso ent­ste­hen diese unge­sun­den Hand­lun­gen über­haupt? Wieso ent­steht diese chro­ni­sche Erschöp­fung? Wieso stellt sich diese Person immer zuletzt? Wieso stellt sie sich immer in den Dienst der anderen, während ihre eigene Gesund­heit zuletzt kommt?

Mit einem wei­te­ren To-do – sei es ein Sup­ple­ment, eine Atem­übung, eine Medi­ta­ti­on oder ein Spa­zier­gang – tiefe und nach­hal­ti­ge Ver­än­de­rung ermög­li­chen zu wollen, greift für mich zu kurz. Vor allem bei Men­schen, die ohnehin über­las­tet sind.

Es geht nicht um Kind­heit, Ver­gan­gen­heit oder Trauma

Auf­räu­men bedeu­tet dabei aus­drück­lich nicht, die Kind­heit wieder auf­le­ben zu lassen, in die Ver­gan­gen­heit zu reisen oder etwas auf­zu­ar­bei­ten. Es geht darum, sich als The­ra­peu­tin, Hyp­no­ti­seu­rin oder Coach inner­lich zu fragen: Wieso kommt dieser Klient nicht in diese Hand­lung? Wieso macht er das nicht, was ihm eigent­lich gut tun würde?

Und dann darum, genau das in einem Gespräch zu ver­än­dern. So, dass der Mensch selbst bemerkt: Das ist ja unge­sund, was ich hier mache. Wieso sage ich eigent­lich nicht einfach mal Nein? Ohne dass du von aussen sagst, er müsse lernen, Nein zu sagen, seine Bedürf­nis­se zu kom­mu­ni­zie­ren, früher ins Bett zu gehen und morgens Yoga zu machen.

Warum die eigene Idee jeden Rat­schlag schlägt

Das Span­nen­de, das ich in der Gesprächs­hyp­no­se immer wieder erlebe – auch bei Teil­neh­men­den meines Trai­nings, wo wir an echten Pro­ble­men arbei­ten – ist die Qua­li­tät der eigenen Lösun­gen. Die eigenen Ideen, die eigenen Res­sour­cen, die eigenen Ver­än­de­rungs­pro­zes­se sind oft so simpel, so genial und so all­tags­taug­lich zugleich, dass wir von aussen nie und nimmer darauf gekom­men wären.

Ein Vor­schlag von aussen ist selten so kraft­voll wie eine Idee, die aus dem Men­schen selbst kommt, aus freien Stücken. Und häufig ist es etwas ganz anderes, als wir ver­mu­tet hätten.

Innere Neu­ord­nung statt Durch­hal­te­wil­le

Wenn diese innere Neu­ord­nung ent­steht, greifen Sup­ple­men­te und Opti­mie­run­gen oft ganz anders. Manch­mal sind sie nicht mehr nötig, weil aus der gelös­ten men­ta­len und emo­tio­na­len Span­nung heraus wieder Auf­nah­me­fä­hig­keit ent­steht. Manch­mal ver­än­dert sich das Gewicht, weil eine emo­tio­na­le Last abge­fal­len ist. Das geschieht nicht von einer Sekunde auf die andere, aber es geschieht deut­lich natür­li­cher – ohne Durch­hal­te­wil­le, ohne strenge Restrik­ti­on.

Solange dieses innere Neu­set­ting fehlt, arbei­tet ihr beide gegen etwas an: du und dein Klient. Gegen unbe­wuss­te Wider­stän­de, gegen innere Blo­cka­den, gegen eine Umset­zungs­kraft, die schlicht noch nicht da ist, weil die Erschöp­fung und die Über­for­de­rung zu gross sind – und weil am fal­schen Ort opti­miert wird.

Nimm es bitte nicht per­sön­lich

Mein Tipp an die Kol­le­gin lautete deshalb: Mach zuerst die Gesprächs­hyp­no­se und schau dann, was möglich wird. Schau, wie dein Klient in seine Selbst­wirk­sam­keit kommt.

Und was ich dir mit­ge­ben möchte: Sei deinen Klient:innen bitte nicht böse, wenn sie deine Tipps nicht so umset­zen, wie du es ihnen wünschst. Nimm es nicht per­sön­lich. Es liegt weder an ihnen noch an dir. Da wirkt etwas anderes mit, und diese Blo­cka­de ist grösser als der Nutzen aus dieser einen Hand­lung, die du emp­fiehlst.

Genau da beginnt für mich ein Umden­ken – und damit Ver­än­de­rung auf einer neuen Ebene, in einer erstaun­li­chen Leich­tig­keit, Tiefe und Selbst­wirk­sam­keit. Damit wir alle wieder mehr Leben mit Leben ver­brin­gen statt mit The­ra­pie.

Bei medi­zi­ni­schen Themen wie Schmer­zen, Migräne oder Erschöp­fung gehört für mich immer auch die vor­gän­gi­ge Abklä­rung mit dem Haus­arzt zwin­gend dazu.

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