Eine Kollegin, Heilpraktikerin, hat kürzlich öffentlich gefragt, was viele in unserer Arbeit beschäftigt: Sie gibt ihren Klient:innen kleinste Dinge mit – eine Kapsel pro Tag, ein bisschen Öl über eine Mahlzeit – und ein Teil setzt es einfach nicht um. Sie hat Spickzettel mitgegeben, erklärt, wieso es wichtig ist, und trotzdem passiert es nicht. Ihre Überlegung: Vielleicht sollte sie solche Klient:innen gar nicht mehr weiter betreuen, weil sie nicht compliant sind. In diesem Beitrag zeige ich dir, warum ich an einem ganz anderen Punkt ansetze – und was sich verändern kann, wenn du zuerst innerlich aufräumst, statt weitere To-dos zu vergeben.
- Was dein Klient bereits geleistet hat
- Sticker, Erinnerungen, Handlungsverknüpfungen – und ihre Grenze
- Das sind keine Ausreden, das ist das Leben
- Das Anliegen ist die Spitze des Eisbergs
- Zuerst aufräumen, dann optimieren
- Es geht nicht um Kindheit, Vergangenheit oder Trauma
- Warum die eigene Idee jeden Ratschlag schlägt
- Innere Neuordnung statt Durchhaltewille
- Nimm es bitte nicht persönlich
Was dein Klient bereits geleistet hat
Für mich ist ein Punkt zentral, bevor wir überhaupt über Umsetzung sprechen: Jeder Mensch, der sich Unterstützung bei einer Therapeutin, einem Heilpraktiker, einer Hypnotiseurin oder einem Coach sucht, hat bereits eine riesige Hürde übersprungen. Diese Person hat Mut aufgebracht, dich zu kontaktieren. Sie hat sich eingestanden: Ich habe ein Problem, ich muss etwas machen, ich hole mir Hilfe.
Das gilt es anzuerkennen. Allzu oft höre ich stattdessen: Die wollen einfach nicht. Die kommen nicht in die Veränderung und haben tausend Ausreden. Meine Erfahrung ist eine andere. Es ist in der Regel keine Böswilligkeit, keine Faulheit und keine fehlende Bereitschaft. Da wirkt etwas anderes mit.
Sticker, Erinnerungen, Handlungsverknüpfungen – und ihre Grenze
Es gibt viele gute Hilfsmittel, um Gewohnheiten zu installieren. Handlungen miteinander verknüpfen: Immer wenn ich Zähne putze, mache ich auch das. Beim Kaffee gleich die Kapsel. Bei diesem Essen gleich das Öl darüber. Dazu Sticker am Spiegel, Erinnerungen auf dem Telefon, ein Punkt auf der Hand, eine kurze Nachricht von dir zwischendurch.
All das funktioniert – für einen guten Teil der Klient:innen. Und es braucht trotzdem Zeit und Dranbleiben. Für sehr disziplinierte Menschen ist das kein Thema: einmal gesagt, danach gemacht. Für viele andere ist es ausgesprochen schwierig, Gewohnheiten zu verändern. Wenn das mit Willenskraft und Disziplin durchgedrückt werden soll, wird es oft zäh.
Das sind keine Ausreden, das ist das Leben
Dann kommen die Gründe. Das Kind war krank. Die Oma hatte etwas. Es war ein Notfall. Ich musste Überstunden leisten. Wir hatten Ferien.
Auch das sind aus meiner Sicht keine Ausreden im eigentlichen Sinn. Das ist schlicht das Leben. Mit Familie, mit Kindern, mit Verwandten, mit Beruf läuft viel und ist viel. Und genau das ist häufig schon ein Teil des Problems, weshalb diese Menschen überhaupt bei dir sitzen: Es ist zu voll, und die eigene Gesundheit steht ganz zuhinterst.
Wenn wir dann noch zusätzliche To-dos in einen ohnehin überfüllten Tag legen, wird die Umsetzung schwer. Das liegt daran, dass die Belastung bereits vorher da war, und nicht daran, dass jemandem die Bereitschaft fehlt.
Das Anliegen ist die Spitze des Eisbergs
Das Gesundheitsthema, mit dem eine Klientin zu dir kommt, ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist die Art, wie sich ihre Problematik ausdrückt: Schmerzen, Gelenkbeschwerden, Migräne, Erschöpfung, konstanter Stress, leere Batterien, wiederkehrende Verdauungsprobleme, Über- oder Mangelernährung.
Natürlich kann man messen. Ein Bluttest zeigt einen Mangel, eine Unausgewogenheit, ein Hormonbild. Aus meiner Sicht hat das jedoch fast immer auch eine Verknüpfung im mental-emotional-seelischen Bereich. Und solange dort nichts geordnet ist, optimiert und supplementiert man auf Symptomebene.
Man kann hervorragende Blutwerte haben und sich trotzdem nicht gut fühlen.
Zuerst aufräumen, dann optimieren
Deshalb erachte ich es als äusserst wichtig, zuerst dort aufzuräumen. Die Fragen, die mich dabei interessieren, sind andere als die nach der richtigen Dosierung: Wieso entstehen diese ungesunden Handlungen überhaupt? Wieso entsteht diese chronische Erschöpfung? Wieso stellt sich diese Person immer zuletzt? Wieso stellt sie sich immer in den Dienst der anderen, während ihre eigene Gesundheit zuletzt kommt?
Mit einem weiteren To-do – sei es ein Supplement, eine Atemübung, eine Meditation oder ein Spaziergang – tiefe und nachhaltige Veränderung ermöglichen zu wollen, greift für mich zu kurz. Vor allem bei Menschen, die ohnehin überlastet sind.
Es geht nicht um Kindheit, Vergangenheit oder Trauma
Aufräumen bedeutet dabei ausdrücklich nicht, die Kindheit wieder aufleben zu lassen, in die Vergangenheit zu reisen oder etwas aufzuarbeiten. Es geht darum, sich als Therapeutin, Hypnotiseurin oder Coach innerlich zu fragen: Wieso kommt dieser Klient nicht in diese Handlung? Wieso macht er das nicht, was ihm eigentlich gut tun würde?
Und dann darum, genau das in einem Gespräch zu verändern. So, dass der Mensch selbst bemerkt: Das ist ja ungesund, was ich hier mache. Wieso sage ich eigentlich nicht einfach mal Nein? Ohne dass du von aussen sagst, er müsse lernen, Nein zu sagen, seine Bedürfnisse zu kommunizieren, früher ins Bett zu gehen und morgens Yoga zu machen.
Warum die eigene Idee jeden Ratschlag schlägt
Das Spannende, das ich in der Gesprächshypnose immer wieder erlebe – auch bei Teilnehmenden meines Trainings, wo wir an echten Problemen arbeiten – ist die Qualität der eigenen Lösungen. Die eigenen Ideen, die eigenen Ressourcen, die eigenen Veränderungsprozesse sind oft so simpel, so genial und so alltagstauglich zugleich, dass wir von aussen nie und nimmer darauf gekommen wären.
Ein Vorschlag von aussen ist selten so kraftvoll wie eine Idee, die aus dem Menschen selbst kommt, aus freien Stücken. Und häufig ist es etwas ganz anderes, als wir vermutet hätten.
Innere Neuordnung statt Durchhaltewille
Wenn diese innere Neuordnung entsteht, greifen Supplemente und Optimierungen oft ganz anders. Manchmal sind sie nicht mehr nötig, weil aus der gelösten mentalen und emotionalen Spannung heraus wieder Aufnahmefähigkeit entsteht. Manchmal verändert sich das Gewicht, weil eine emotionale Last abgefallen ist. Das geschieht nicht von einer Sekunde auf die andere, aber es geschieht deutlich natürlicher – ohne Durchhaltewille, ohne strenge Restriktion.
Solange dieses innere Neusetting fehlt, arbeitet ihr beide gegen etwas an: du und dein Klient. Gegen unbewusste Widerstände, gegen innere Blockaden, gegen eine Umsetzungskraft, die schlicht noch nicht da ist, weil die Erschöpfung und die Überforderung zu gross sind – und weil am falschen Ort optimiert wird.
Nimm es bitte nicht persönlich
Mein Tipp an die Kollegin lautete deshalb: Mach zuerst die Gesprächshypnose und schau dann, was möglich wird. Schau, wie dein Klient in seine Selbstwirksamkeit kommt.
Und was ich dir mitgeben möchte: Sei deinen Klient:innen bitte nicht böse, wenn sie deine Tipps nicht so umsetzen, wie du es ihnen wünschst. Nimm es nicht persönlich. Es liegt weder an ihnen noch an dir. Da wirkt etwas anderes mit, und diese Blockade ist grösser als der Nutzen aus dieser einen Handlung, die du empfiehlst.
Genau da beginnt für mich ein Umdenken – und damit Veränderung auf einer neuen Ebene, in einer erstaunlichen Leichtigkeit, Tiefe und Selbstwirksamkeit. Damit wir alle wieder mehr Leben mit Leben verbringen statt mit Therapie.
Bei medizinischen Themen wie Schmerzen, Migräne oder Erschöpfung gehört für mich immer auch die vorgängige Abklärung mit dem Hausarzt zwingend dazu.
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